Die Melodie der Sprache

Auf der Suche nach dem Klang der Worte

Deutschland anhand der Sprache entdecken – vom Nord nach Süd

Von Kap Arcona zur bis zur Zugspitze

„Dem Volk auf´s Maul geschaut“ –  dieser Ausspruch stammt von Martin Luther. Auf einer Reise durch Deutschland, von Nord nach Süd, wollen wir die eigentümlichsten deutschen Dialekte finden, die sich bis heute erhalten haben. Wir werden die Landschaften und die Menschen vorstellen, sprechen mit den Fischern auf Kap Arcona und mit den Seilbahnführern auf der Zugspitze. Wir begegnen dem Berliner Busfahrer, dem Tagebaukumpel in der Niederlausitz und finden einen waschechten Sachsen. Wir  treffen die Nachfahren der Brüder Grimm im Hessischen. Die Reise führt uns zu den Kumpeln im Ruhrpott, in die Vorstandssitzung eines Köllner Karnevalsvereins, zu den „Sieben Schwaben“ und den niederbayerischen Bauern. Die Träger der Dialekte sind oft urige Typen, die in ihren Landschaften tief verwurzelt sind.

„Dat Du min levsten bist, wat i woll weß …“ oder „Sing man tau sing man tau, von Herrn Pasteur sin Kaujaujau, sing man tau, sing man tau von Herrn Pasteur sin Kau“ haben wir als Kinder in Mecklenburg gesungen. Viel weiter reichter unser plattdütsch nicht. Der Fischer vom Inselsee hat noch richtig platt gesprochen. Wenn der sich mit sin Fru unterhalten hat haben wir Kinder nix mehr verstanden.

Der deutsche Sprachraum gliedert sich in das Niederdeutsche, das Mitteldeutsche und das Oberdeutsche. Die Sprachgrenzen verlaufen entlang von Territorialgrenzen an Flüssen und Gebirgen. Innerhalb der vergangenen Jahrhunderte hat es drei Lautverschiebungen gegeben. Sprach- und Dialektveränderungen lassen sich in Deutschland mitunter von Dorf zu Dorf nachweisen.

Die Idee, die deutsche Sprache anhand der Landschaften zu erkunden, wird in einem Berliner Segelverein getestet. Der echte Berliner kommt ja bekanntlich nicht aus Berlin. Man sitzt also in entspannter Runde mit Blick auf die Havel und erinnert sich der heimatlichen Dialekte.

„Was heißt denn „Mä honn“ “ – ahnungslose Blicke.  Gisela schaut in die Runde. „Das ist nordhessisch und heißt „Wir haben“. “ Das sagt man so in Landefeld-Spangenberg. Das ist ein kleines Dorf im Nordhessischen hinter Kassel. „Mä honn nix auf de Kande,“ heißt wir haben kein Geld. Mein Elternhaus steht noch da. Eine alte Tante spricht noch den Dialekt.“

„Aber kennt ihr die niederbayerische Liebeserklärung?“
Pause. Schweigen in der Runde.
„Zuwerda bist mir net.“
„Wie bitte? Nochmal“
„Zuwerda bist mir net.“
„Wie schreibt man das?“
„Na, wie man´s spricht.“
Jetzt erst fällt der Groschen. Zuwider bist du mir nicht. Also, ich mag Dich. Ich verstehe. Wolfgang lächelt.

In den vergangenen drei Jahrzehnten sind viele Dialekte verloren gegangen. In Deutschland wird zunehmend ein gutes Hochdeutsch gesprochen, vor allem von der jüngeren Generation. Fernsehen und Internet haben da ihren Beitrag geleistet. Das geschriebene Wort hat neuerdings eine größere Bedeutung. Die Sprache ist sauberer geworden – sprich von Dialekten bereinigt. Die jungen Leute zieht es zunehmend in die großen Städte. Dialekte haben sich oft nur noch in kleinen Dörfern erhalten. Begonnen hat dieser Prozeß  nach dem Ende des zweiten Weltkrieges.

Taxi fahren in Leipzig, auf dem Weg zur Buchmesse. Der Taxifahrer gibt sich belesen und zitiert den alten Goethe: „Mein Leipsch lobsch isch mir“. Das klingt, ehrlich gesagt, eher gemäßigt. Selbst im Zentrum des alten Sachsens scheint etwas verloren zu gehen. Die Menschen nähern sich in ihrer Sprechweise immer mehr an. Wir müssen tatsächlich auf die Dörfer fahren, zu den Thüringer Glasbläsern vielleicht, zu den Neugersdorfer Webern, um echtes Sächsisch zu hören.

Ich erinnere mich an die alte Tante Meta in Hartau bei Zittau. Sie wohnte in einem Umgebindehaus und sprach Oberlausitzer Dialekt. Sie musste regelmäßig das „Gerinscht kahren“ – also das Gerinscht kehren, sprich den Bürgersteig fegen und setzte sich dann auf eine Bank an der Hauswand in die Sonne. Wenn ich sie etwas gefragt habe, hat sie dreimal nachgefragt  und dann etwas gesagt wie: „i verstah dih nih …“, weil ich eben hochdeutsch sprach.

Dieses neuhochdeutsche, angeglichene allgemein verständliche Deutsch haben wir in der Tat Martin Luther zu verdanken und der Tatsache, dass wir alle lesen und schreiben können. Die Meta konnte das nicht. Sie hatte kaum sechs Jahre Volksschule hinter sich.

Ich denke an meine Urgroßmutter. Sie kam aus Bromberg, dem heutigen Bydgozs in Polen. „Mariellchen, Mariellchen….“ sagte sie, wenn ich auf ihrem Schoß herumturnte. Ihre Sprache hatte so einen besonderen Klang, den ich nie vergessen werde. Ich habe ihn nur zweimal wieder gehört: Einmal in Rumänien, in der Stadt Timisoa. In Siebenbürgen leben Deutsche, die heute noch ähnlich sprechen, wie die Urgroßmutter damals, die von der Weichsel kam. Und einmal saß ich im Flugzeug nach Portugal. Da hörte ich wieder  eine altertümliche Sprachmelodie. Neben mir saß eine etwa sechzigjährige Frau, die nach Brasilien flog, in ihre Heimatstadt Blumenau. Sie sprach Hunsrückisch, wie ich inzwischen weiß.

Wie ist das? Verschwindet mit den Dialekten auch ein Teil unserer Vergangenheit? Der Verlust der Vergangenheit auf dem Weg in die Moderne? Was für ein großes Thema. Nein, darum geht es nicht. Es geht einfach um die Menschen, ihre Herkunft und ihre Zukunft und um den Klang der Sprache.

Die Regisseurin über ihren Stoff

Hand auf´s Herz – die Idee kommt von einem Brasilianischen Filmmacher, den ich im Jahr 2006 in Berlin interviewt habe. Er hatte einen Film über die Portugiesische Sprache im Gepäck. Der Film begann in einem Bus in Rio de Janeiro, in dem der Busfahrer den Fahrgästen Bonbons anbot und ein sehr eigentümliches altes Portugiesisch sprach. Dann kamen portugiesische Schriftsteller zu Wort. Sie saßen während der Interviews am Hafen von Lissabon, denn von dort aus wanderte die portugiesische Sprache in die Welt, zuerst nach Brasilien und von dort aus nach Angola.

Zugegeben eine ganz andere Geschichte, als die der deutschen Sprache, aber ich dachte schon damals: Die Idee ist genial, man müßte einen Film über die deutsche Sprache machen. Das Luther-Jahr ist die Gelegenheit. Das könnte ein Festivalfilm werden, ein Dokumentarfilm mit Kinopotential, in dem sich die Menschen wiederfinden, weil er ein Stück ihrer Identität widerspiegelt.

„Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache an.“ Johann Wolfgang von Goethe

„Jede Region liebt ihren Dialekt, sei er doch eigentlich das Element, in welchem diese Seele ihren Atem schöpfe.“ Johann Wolfgang von Goethe